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Soll ich das senden?

Meine Kollegin kommt wieder. „Wir sehen uns am 8.“, schreibt sie, und ich dachte, der 8. März ist jetzt arbeitsfreier Frauenfeiertag. Ich will zurückschreiben, da landet eine E-Mail der Geschäftsführung in meinem Postfach. Unser Geschäftsführer ist Großvater geworden und jetzt gibt er sich umweltbewusst. Einen Wettbewerb für Ideen zur nachhaltigen Organisationsentwicklung hat er ausgeschrieben und ich bin stinksauer.

„Liebe Mitarbeiter …“ da kommt mir schon die Galle hoch und ich muss ganz laut schreien, stehe vom Schreibplatz auf und fluche und schimpfe und laufe im Dreieck. 

Es ist nicht das erste Mal. Ich habe auch schon Dienstanweisungen nicht unterschrieben und an ihn zurück geschickt. Will er nicht oder kann er nicht? Es wird ja wohl nicht so schwer sein, alte Denkmuster zu ändern. Wir verlangen das ja schließlich auch ständig von unseren Familien. Ich kann mich zum Glück wieder beruhigen und beschließe, ihm eine freundliche Antwort-E-Mail zu schreiben.

Sehr geehrter Herr G…

Ihre Ausschreibung zur Ideensammlung „wie kann unser Unternehmen nachhaltiger werden?“ habe ich zur Kenntnis genommen. Ich finde, das ist eine wunderbare Aktion und ich habe auch schon Ideen für umweltsensibele Veränderungen, die wenig Aufwand erfordern.

Leider sprechen Sie in Ihrer Rundmail nur den männlichen Teil der Belegschaft an. Das finde ich sehr schade, zumal ja der Frauenanteil wesentlich höher ist als der Männeranteil. Warum Sie so wertvolle Ressourcen nicht nutzen wollen und Frauen nicht einladen, kann ich, ehrlich gesagt, nicht verstehen, und diese Ausgrenzung dürfte wohl kaum im Sinne der angestrebten Nachhaltigkeit sein.

Sollte ich Ihre Ausschreibung versehentlich erhalten haben, bitte ich Sie beim nächsten Mal den Verteiler zu kontrollieren. Auch wir sollen schließlich achtsam sein, insbesondere bei der Onlinekommunikation. Sollte ich das, an die Männer gerichtete Schreiben, lediglich zur Kenntnisnahme erhalten haben, bitte ich um eine Erklärung. Auch wir, die Fachkräfte in den Hilfen zur Erziehung, sollen schließlich unser Handeln erklären können. Haben Sie beabsichtigt, mich zur Kündigung zu animieren, dann ist Ihr Vorhaben geglückt. In einem Unternehmen, das Frauen konsequent ausblendet, möchte ich nicht länger tätig sein. Sollte es, wie schon einige Male zuvor, ein Versehen gewesen sein und sich der Fehlerteufel wieder eingeschlichen haben, biete ich Ihnen für künftige Schreiben mein Lektorat an. Sollten Sie Frauen und Männer gleichermaßen in die Ausschreibung einladen wollen, bitte ich um ein neues Informationsblatt in der weiblichen Anrede.  

Liebe Mitarbeiterinnen …

Die Schreibwut lässt mich den ganzen Text abschreiben, alles in der weiblichen Form.

Sehr geehrter Herr G…, Sie können meinen Text gern verwenden. Ich wäre sofort dabei und würde meine Gedanken zur Nachhaltigkeit in den Ideenpool einbringen. Nebenbei schlage ich vor, zukünftig alle Formulare ausschließlich in der weiblichen Form zu verfassen. Sie könnten in einer Fußnote erklären, dass die weibliche Form aufgrund der überwiegend weiblichen Mitarbeiterinnen gewählt wurde, Männer selbstverständlich mitgemeint sind und eine neutrale Version, in der sich alle angesprochen fühlen und die sogar gut lesbar ist, noch entwickelt wird.

Ich bedanke mich für eine Rückantwort.

Mit freundlichen Grüßen

Katja Änderlich

Soll ich das senden? Beim ersten Mal, als ich ein, an mich als „Mitarbeiter“ gerichtetes Schreiben zurückwies, sagte er, dass er sich an die neue Schreibweise noch gewöhnen muss, dann wurde es eine Weile besser und jetzt macht er Rückschritte. Sein Enkelkind ist ein Mädchen. Vielleicht schärft es den Blick.  

 Ihre Katja Änderlich

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Rudolf von Bracken: Kinderrechte. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 173 Seiten. ISBN 978-3-17-037950-3.
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